Über den Mars hat Winston Edelmann immer wieder etwas zu berichten – bis zur Zerstörung des Planeten, der zur zweiten Heimat der Menschen werden wird. Auf den folgenden Seiten schildert Edelmann zunächst die erste Marslandung, über die Edelmann nach meinem Empfinden ausführlicher hätte schreiben können. Die zweite Schilderung geht kurz auf die Kolonialisierung des Mars ein. Dazu zwei Anmerkungen:
Edelmann erwähnt in diesem Abschnitt die Konzertaaten. Diese Konzertaaten haben sich nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen von 2061 gebildet und sind eigentlich Megakonzerne, die eigene Staaten bilden.
Hier wird noch angeführt, dass das Terraforming unrealistisch sei. Aber wer den ersten Auszug gelesen hat weiß, dass ab 2588 das Terraforming des Mars doch in Angriff genommen wird.
Ganz besonders hat es mich gefreut, dass 2030 endlich Menschen zum Mars geflogen sind. Um es vorweg zu nehmen: Kein Leben auf dem Mars! Auch keinen 100%-igen Beweis für früheres Leben. Die Hoffnung, dass unter der Marsoberfläche zumindest Mikroben existieren ist nicht eindeutig belegt. Chemische Prozesse werden seit Jahren unterschiedlich interpretiert. Das Nichtvorhandensein eines Planeten umspannenden Magnetfeldes und die sehr dünner Atmosphäre ließen die Bildung komplexer Moleküle nicht zu - die Gammastrahlung war und ist einfach zu intensiv. Aber dennoch war die ganze Mission, die rund 10 Jahre in Anspruch nahm, eine technische und logistische Meisterleistung. Zunächst wurde um 2020 eine kleine Basis (Vorläufer der Armstrong-Gagarin-Basis) auf dem Mond errichtet. Neben wissenschaftlichen Arbeiten wurden auch erste zaghafte Versuche unternommen, den Mond zu industrialisieren, um zumindest einen kleinen Teil der Kosten zu erwirtschaften. Helium 3 für Fusionsreaktoren war der Stoff, der die Nationen antrieb, wieder auf den Mond zu fliegen. Die dritte Aufgabe bestand in der Errichtung einer Startrampe für Flüge zum Mars. 2027 wurde eine unbemannte Sonde zum Mars geschickt, mit dem Ziel, ein Habitat inklusive Wasser- und Luftaufbereitungsmodule auf dem roten Planeten abzusetzen. Diese Einrichtungen sollten dann von der folgenden ersten bemannten Marsmission genutzt werden. 2030 war es dann soweit. Mit der Kommandoeinheit „The Earth“ und der Landeeinheit „Sutcliff“ (benannt nach dem kurz vor dem Start bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Konstrukteur der Landeeinheit) startete man am 3. Dezember 2030 zu einer über dreijährigen Reise von der Armstrong-Gagarin-Basis Richtung Mars. Der Kommandant und Missionsleiter hieß Peter Harrison (USA), Navigator James Lonnen (CAN), Kommandant der Landeeinheit Richard Stern (D), Geologe Brian Schmitt (USA) – übrigens ein unehelicher Enkel von Harrison Schmitt, dem vorletzten Amerikaner auf den Mond im Zuge des Apollo-Programms -, Computerspezialist George Breston (GB), Ärztin und Psychologin Dorothy Kirchnerr (D) – man kann sich vorstellen, welche Spekulationen ständig zu lesen und hören waren. Diesmal, im Gegensatz zur Mondlandung, landeten alle Missionsteilnehmer auf dem Mars, im Argyre-Becken östlich des ‚Oser Rücken’. Während Peter Harrison seinen Fuß zum ersten Mal auf die wüstenähnliche Oberfläche des Mars setzte, erklang Beethovens 9. Symphonie mit dem Text: „Alle Menschen werden Brüder“.
Die immer wieder auftauchenden Probleme der fehlenden Gravitation und der kosmischen Strahlung während des insgesamt 17 Monate dauernden Fluges wurden wie folgt gelöst. Das Eindringen der harten, kosmischen Strahlung in das Raumschiff wurde durch eine Wabenstruktur der Außenhaut auf ein Minimum reduziert. Die Techniker nutzen das Prinzip der Tarnkappenbomber. Bloß wurden in dem Raumschiff nicht Radarstrahlen abgelenkt und reflektiert, sondern die kosmische Strahlung. Das neu entwickelte Material, äußerst dicht und trotzdem relativ leicht (diesen Widerspruch habe ich nie begriffen), wurde auf dem Mond entwickelt. Weiters wurden sternförmig Metallkugeln in rund 10 Meter Entfernung vom Schiff angebracht, die unter Spannung gestellt, ein Magnetfeld generierten, das doch in erheblichem Maß die kosmische Strahlung von der Kapsel ablenkte. Sollte während des Fluges zum Mars durch Sonneneruptionen dennoch die Strahlenbelastung stark zunehmen, so dass die Grenzwerte im Inneren von ‚The Earth’ überschritten wurden, installierten die Ingenieure zum Schutz der Besatzung ein großer Wassertank in der Mitte des Raumschiffes. Im Wassertank gab es eine Schutzzelle, die den Astronauten den notwendigen Schutz für wenige Tage garantierte.
Die gewohnte Gravitation wurde teilweise durch einen 2,5 m breiten und 1,85 m hohen rotierenden Ring, der um die Außenseite des Raumschiffes montiert wurde, gegeben. Der Ring war allerdings nicht recht komfortabel. Die Astronauten konnten darin nur sitzen oder bestenfalls in gebückter Haltung stehen. Aber täglich 3 Stunden im Ring bei einer ca. 65%-tigen Gravitation im Vergleich zur Erde und diversen Trainingseinheiten halfen, den Kalziumabbau und den Muskelschwund aufzuhalten. Spezielle Diäten und die neue Genbehandlung unterstützten die Astronauten zusätzlich.
Tendenziell zeigte dieses globale Projekt, an dem fast alle Industriestaaten involviert waren, ähnlich positive gesellschaftliche Auswirkungen wie seinerzeit das Apolloprogramm mit der geglückten Mondlandung. Die Sichtweise der Menschheit, die durch das Bild der Erde, aufgenommen von Apollo 8 zu Weihnachten 1968, auf dem die Mondoberfläche im Vordergrund zu sehen ist, geändert wurde und zwar in der Hinsicht, dass man die Verletzbarkeit unserer Mutter Erde vor dem undurchdringlichen Schwarz der Weltalls erkannte, fand seine Fortsetzung durch die Gesamtansicht der Mars, aufgenommen von Brian Schmitt im Jahre 2030. Das Bewusstsein der Menschen sensibilisierte sich bezüglich der Einigkeit der Menschheit. Nicht Vertreter weniger Nationen machten sich auf den Weg, den Mars zu erobern, sondern die gesamte Menschheit machte sich auf, in das Sonnensystem aufzubrechen. Und wegen den geringen sozialen und wirtschaftlichen Problemen zur damaligen Zeit, war die Zahl der Kritiker minimal und ich erinnere mich an keine Person, die von einer getürkten Marslandung sprach und kein Astronaut wurde gezwungen, auf die Bibel zu schwören, dass sie wirklich auf dem Mars gelandet waren.
Die Mondbasen, allen voran die „Armstrong-Gagarin-Basis“, wuchsen stetig durch die Industrialisierung, vorangetrieben durch die Konzertaaten, die Unterkünfte für ihre Angestellten und Arbeiter benötigten. Und die Kolonisierung des Mars ging auch voran. Nicht so wie man es sich vor zweihundert Jahren noch vorgestellt hatte, denn die Umweltbelastungen, allen voran durch die harte Gammastrahlung und des nur rudimentär vorhandenen Magnetfeldes, war und ist enorm. An Terraforming ist bis heute ebenfalls nicht zu denken, auch wenn man an einigen geschützten Orten Flechten erfolgreich ausgesetzt hat. Aber die große Vision von der Schaffung einer zweiten Erde mit Meeren, Seen, Wälder und einer atembaren Atmosphäre gehört endgültig in den Bereich Science Fiction mit Betonung auf Fiction. Die Kolonisierung begann ca. 2080 mit ungefähr 35 „Marsianern“, die ein One-Way-Ticket buchten und belief sich sechzig Jahre später auf rund 5.000 ständigen Bewohnern, die aber in Holes unter der Marsoberfläche wohnten und zu 80% im Bergbau tätig waren. Der Rest verteilte sich auf Forscherteams (Hauptforschungsgebiet ist die Genbehandlung, um der tödlichen Weltraumstrahlung entgegen zu wirken. Aber auch Geologen, Biologen, Chemiker und Materialwissenschaftler forschten und entwickelten) und den Touristen, die seit 2100 relativ günstig einen zweijährigen Arbeitsurlaub auf dem Mars verbringen können. Heute im Jahr 2224 leben rund 200.000 Marsianer und es werden immer mehr. Und Spuren von Leben oder einstigem Leben wurden immer noch nicht gefunden. Aber der Reihe nach. Die nächsten Seiten des Tages- oder besser Jahresbuch, noch besser, meines Jahrhundertbuches, beschäftigen sich jetzt mit der astronomischen Forschung und den interplanetarischen Missionen.