Die Miraden

Zuletzt freute sich Edelmann, besser wird sich freuen, dass endlich einmal Kontakt zu einer intelligenten, außerirdischen Rasse hergestellt werden konnte – den Miraden vom Planeten Plonma. Im letzten Satz erwähnt Edelmann, dass es auch verdammt notwendig gewesen sei, damit neue Impulse die Menschheit wieder anstacheln, aus der fortgeschrittenen Lethargie zu erwachen.

Fang ich mal mit dem epochale Ereignis an: Die Sphäre ‚Generation Star’. Projektbeginn: 3112, Start 3125, Platz für 3.564 Männer und Frauen, Startbesatzung 1.022 Männer, Frauen und Kinder, Durchmesser 1.902 Meter, Volumen 45,44 km3, Masse 87,45 Mio. Tonnen. Ziel der Plant Plonma, Reisezeit ca. 36.200 Jahre, also rund 450 Generationen, wenn man 80 Jahre für eine Generation heranzieht. Durchschnittliche Reisegeschwindigkeit 418 km/sek. Erbaut wurde dieses Weltwunder im Orbit des Mars und die Rohstoffe stammen zu über 80% von den Asteroiden. Antrieb mittels Gravitationsgenerator, der wiederum seine Energie von einem Fusionsreaktor erhielt. Ein weiterer Fusionsreaktor war für die Versorgung zuständig.
3123 besuchte ich die Sphäre, sie war gewaltig. Generell gestaltet sich die Architektur wie eine Zwiebel. Die Wohnräume, Freizeiteinrichtungen und Flora als auch die Zentrale wurden in zwei Ebenen an der Innenseite der Außenwand errichtet. Die nächst inneren Schalen beinhalteten die Arbeitseinrichtungen, Forschungslabors, Schulen, medizinische Einrichtungen und die Kommunikationseinrichtungen. Daran folgten die Lebenserhaltungssysteme, Lagerräume, Vorratsspeicher und die Unterbringungen für Tiere. Der Kern war hohl. Nachdem die ‚Generation Star’ auf Reisegeschwindigkeit beschleunigt wurde, versetzte die Mannschaft die Sphäre in eine Drehung und die Reisenden erlebten maximal eine angenehme, marsähnliche Gravitation. Lediglich im Kern herrschte stets Schwerelosigkeit.
Während meines Besuches musste ich meine Begeisterung stark zurückhalten, denn alle Beteiligten waren wie immer distanziert und mehr als ein „90“ für die Bewertung des Bauwerkes war nicht zu vernehmen. Aber ich war total fasziniert von diesem größten Unternehmen der Menschheit. Auch schaute ich mir in den folgenden Jahren mit nicht abnehmender Neugierde alle möglichen Aufzeichnungen an, die von der Besatzung der ‚Generation Star’ zur Erde/Mars geschickt wurden.
Eine Parade beim Start, mit Ansprachen und Schiffstaufe gab es nicht. Nur der Countdown war mir vertraut. Dann drückte ein Techniker auf den Startknopf, kontrollierte alle Anzeigen und widmete sich einer neuen Arbeit zu. Kein „Lebe wohl“, „Bon voyage“, „good bye“ ging über die Kommunikationsleitungen.
Aber wie kam dieses Megaprojekt zustande? Alle 60 Jahre kommunizierten wir mit den Miraden, die uns immer vernünftiger vorkamen und wir ihnen anscheinend immer sympathischer. Natürlich schickten wir den Miraden und die Miraden uns laufend Nachrichten, aber eine Antwort wurde halt nach 60 Jahren erst abgeschickt. Nachdem man alle wesentlichen Informationen ausgetauscht hatte, beschloss die Erdregierung, dieses Generationenraumschiff zu bauen, denn es wurde langsam Zeit, das Sonnensystem zu verlassen und jetzt hatten wir auch ein lohnenswertes, Erfolg versprechendes Ziel. Die Miraden waren zwar erstaunt ob unserer Ankunft in ferner Zukunft, aber sie wünschten uns viel Erfolg für das Unternehmen. Selber waren die Miraden technisch noch nicht so weit, eine entsprechende eigene Initiative zu starten.
Der erste Teil der Reise verlief planmäßig. Zunächst machte man sich auf den Weg zur Sonne, um mit einem Swing-by-Manöver den ersten Anfangsschub zu bekommen. Auch der Eintritt in den Kuiper Gürtels nach wenigen Jahren gelang problemlos. Dank der ‚Odyssey’ Mission von 2178, im Verlauf derer wissenschaftlich Forschung fast alle Materiebrocken und Kleinstplaneten erfasst und vermessen wurden. Nach Verlassen des Kuiper Gürtels nach weiteren vier Jahren erreichte die ‚Generation Star’ ihre maximale Reisegeschwindigkeit von knapp über 418 km/sek.
Als die ‚Generation Star’ die Jupiterumlaufbahn passiert hatte, richteten sich die Bewohner auf ihre lebenslange Reise ein, die dann aber noch nicht zu Ende war. Auch wenn die Menschen psychisch sehr stabil waren, auch die Kinder, so wurde jeder Reisende mittels psychologischer Stabilisierungsbehandlungen auf die Probleme vorbereitet. Das erste Problem lag in der Gewissheit der Startbesetzung, dass sie in einer riesigen Kugel den Rest ihres Lebens ohne Zielerreichung verbringen werden und eben diese Kugel mit jedem Tag kleiner wird und parallel dazu die Langeweile zunehmen wird. Neben einer ungeheuren Menge an Literatur, holographischen Filmen, auch wenn diese schon seit Jahrzehnten nicht mehr angeschaut wurden und Rätselsammlungen, wurden viele Parkanlagen, Freizeit- als auch Sporteinrichtungen eingebaut. Kurios an diesen letzt genannten Einrichtungen war, dass die Menschen erst lernen mussten, diese Einrichtungen nutzen zu können. Durch einen Park zu schlendern, um vom Alltag abzuschalten oder Sport zu betreiben als Ausgleich für den stressigen Arbeitstag, dies war den Menschen fremd. Der Tagesablauf der Menschheit des 32. Jahrhunderts war geprägt von Arbeit, die wiederum auf Logik und Vernunft basierte, wie schon die letzten vielen Jahrhunderte. Aufstehen, Arbeiten, Fort- und Weiterbildung, Gesundheitscheck, dies waren die Inhalte von sieben Tagen in der Woche. Ausgehen, Partys und Ausspannen waren nicht förderlich für die Erreichung der Ziele der Menschen dieser Zeit. Lediglich Gymnastik wurde noch aus therapeutischen Überlegungen betrieben. Forschung, Optimierung des Geleisteten und Verbesserung des eigenen Ichs zum Wohle der Gemeinschaft standen im Vordergrund. Alles habe ich schon früher in mein Tagebuch beschrieben. Aber einen Vorteil erkenne ich aus dieser Entwicklung doch. Auf jedem ist verlass und dass 100%-ig. Das ist echt eine tolle Entwicklung. Wenn ein Arbeitskollege die Aussage tätigt, dass er mit der Programmierung für das Modul zur Berechnung der Stabilisatoren für den neuen Flugzeugtyp am Freitag, den 15. um 13 Uhr fertig ist, dann ist er auch damit fertig. Wenn ein Lieferant zusagt, die Komponenten für den Quantencomputer am 25. Oktober um 9 Uhr zu liefern, dann sind diese Bauteile in vereinbarter Qualität auch am Zielort. Termine, Verabredungen auf einfach alles konnte und kann man sich zu 100 Prozent verlassen. Dies erspart natürlich eine Menge Stress. Also wozu einen Ausgleichssport betreiben oder in der Natur wandern, um sich zu entspannen. Letzteres durfte in vielen Teilen der Welt auch schwer fallen, denn zumeist wäre eine Reise von mehreren tausend Kilometern notwendig, auch wenn man mit den damaligen und auch gegenwärtigen Transportmitteln innerhalb weniger Minuten am gewünschten Ort wäre. Aber wozu? Dies wäre eine Zeitverschwendung und nicht produktiv und somit nicht zum Gemeinwohl der Menschheit geeignet, also unlogisch und unvernünftig – öd, öd, öd, öd und nochmals öd.
Aber im Generationenraumschiff wartete nun mal nicht soviel Arbeit auf die Besatzungsmitglieder und schon gar nicht für die nächsten rund 36.000 Jahre. Viele Sektionen wurden auch nicht fertig gestellt, damit die Bewohner für einige Zeit zumindest eine Aufgabe zu bewältigen hätten. Jedoch war dies eine etwas frustrierende Aufgabe, da sie künstlich erstellt wurde. Jedem war bekannt, was zu tun sei, als auch in absehbarer Zeit vollendet sein wird. Somit also keine echte Herausforderung. Die Projektleiter überlegten im Vorfeld der Reise auch, ob die gewohnten Hilfsmodule und Nanoroboter, die im Alltag und der Berufswelt alle lästigen, aber zumeist notwendigen Arbeiten übernahmen, mitgenommen werden sollten. Schnell erlangte man die Erkenntnis, dass bei Verzicht der kleinen Heinzelmännchen, die gesamte Mission zum Scheitern verurteilt wäre. Trotz intensiven Trainings waren fast alle Kandidaten nicht in der Lage, einfache handwerkliche Arbeiten auszuführen. Angefangen beim Einschlagen eines Nagels mittels Hammer musste fast alle Lehrlinge neue Finger angesetzt werden. Befestigen einer Schraube mittels manuell zu bedienenden Schraubenzieher scheiterte an der geforderten Motorik. Lediglich bei der Gartenarbeit gab es nur Leichtverletzte. Durch die schmerzhaften Erfahrungen war keiner motiviert, auf die Hilfsmodule zu verzichten. Vor dem Computer sitzen und mittels verbalen Befehlen etwas schaffen, darin waren und sind die Menschen Weltmeister. Die klassischen Techniker- und Handwerkerberufe waren damals schon seit etlichen Jahrhunderten ausgestorben.