Nachdem Edelmann aus den Missionsprotokoll den tragischen Vorfall rund um die Erkundung des Merkur geschildert hat, bei dem zwei Crewmitglieder – der Ingenieur Francoise Loesser und Missionsleiter Mark Lewishon – auf tragisch, skurrile Weise starben, fahre ich nun mit dem Ende der Mission fort.
Danach ging die Reise weiter zum Pluto. Neben einer Entdeckungsreise zu seinem Mond Charon standen auch Forschungen in Richtung Kuiper-Gürtel und der Oortschen Wolke auf dem Programm und Michelle erging es immer schlechter.
Auf halben Weg zum Pluto, die Sonne war nur noch ein etwas heller leuchtender Punkt am Firmament, hatte Michelle ihren schlimmsten Anfall. Sie schien um die Herrschaft im Universum zu kämpfen. Ständig befahl sie ihrer imaginären Armee Befehle, Truppenverbände in die entferntesten Galaxien zu schicken. Immer wieder erwähnte Michelle die Polarscheibengalaxie NGX 423 im Stenbild Schwan. Dort schien der Stützpunkt ihres schlimmsten Feindes zu sein. Die Feinde dürften die reinste Ausgeburt der Hölle gewesen sein und trachteten ebenfalls nach der Alleinherrschaft. Goruratar, so schien der Gegenspieler Michelles zu heißen, war ein perfekter Krieger. Im Laufe der Jahrhunderte voller Kampf, Krieg und Tod erlitt Goruratar derart viele schwere Verletzungen, deren Heilung fast immer mit künstlichen Implantaten vollzogen wurde, dass bis auf wenige Hautflächen, Goruratar eine Maschine war. Selbst das Gehirn musste im Laufe der Jahrzehnte quantenmechanischen Schaltkreisen weichen. Goruratar war in der Lage, Millionen Strategien im Kampf gegen Vaughan I. simultan durchzuspielen und sich für die effektivste zu entscheiden. Doch Vaughan I., die Göttin, konnte all dies auch und hatte den Vorteil der Unsterblichkeit - bei ihr war es Wahn, bei mir ist es Realität.
Vaughan I. entschied sich für eine Entscheidungsschlacht, die im intergalaktischen Raum ausgefochten werden sollte. Hier, weit ab von einer Zuflucht bietenden Basis, sollte Goruratar keine Möglichkeit geboten werden, Schutz vor der schwarzen, kalten und leeren Tiefe des Weltalls zu finden. Im finalen Kampf entschloss sich Vaughan I., ihr Raumschiff zu verlassen, durch den leeren Raum zu schweben und direkt mit eigenen Händen das Schiff Goruratars anzugreifen und zu vernichten. Als ihr Schiff längsseits zu dem von Goruratars lag, öffnete Vaughan I. die Schleuse und schwebte durch den Raum hinüber zu ihres Feindes Schiff. In diesem Augenblick muss Michelle erkannt haben, dass sie nur ein ganz normaler Mensch war, dem es unmöglich war, länger als drei Sekunden im Weltall zu überleben und nichts an ihr war auch nur annähernd Göttlich. Das Gefühl von inneren Krämpfen, keine Luft zum Atmen, keinen Schutz vor der Kälte und keinen äußeren Luftdruck, der dem ihrigen entgegenwirkte, reichte aus, dass Michelle einen auch in der realen Welt tödlichen Schock erlitt. Michelle Vaughan, Geologin der Odyssey-Mission, starb am 9. Juni 2181. In Sidmouth, ihrem Geburtsort in Südwestengland muss ein schöner Sommertag gewesen sein. Das mediterrane Klima brachte alle Pflanzen zum blühen, die saftigen Wiesen dufteten, dass man alle Sorgen vergessen mochte, der örtliche Friseur zeigte seinen Stammkunden auf der Straße seine Fotos von seinem letzten Urlaub. Kinder machten ihre kleinen Späße hinter dem Rücken des Friseurs. Viele Touristen schlenderten durch die Straßen, grüßten freundlich mit einem ‚Hello’ und machten in jedem Cafe halt, um die himmlische Atmosphäre in diesem so bezaubernden Ort einatmen zu können. Eine Krankenschwester verkaufte Mohnblumen, manchmal konnte man das Schreien der Möwen vernehmen und von irgendwo her erklang eine klar klingende Piccolo-Trompete in B. Das waren Michelles letzte friedliche Gedanken und sie hatte Heimweh.
Während des ganzen Schauspiels war es weder Bullock noch Captain Voormann möglich gewesen, Michelle zu besänftigen und durch erste Hilfe ihr Leben zu retten. Man legte Michelle in einen provisorischen Sarg und entschied, ihrem letzten Willen Folge zu leisten.
Die restliche Reise zum Pluto war der tristeste Teil der gesamten Mission. Es wurde wenig gesprochen, die Kommunikation mit der Erde beschränkte sich auf das notwendige Minimum und jedes Mitglied der Mannschaft suchte und fand einen Platz auf dem Schiff, wohin er sich zurückziehen konnte.
Erst mit der nahenden Ankunft am Pluto kehrte das Leben zurück. Zyslaw und Sneed machten sich bereit für ihre Reise zum Pluto und dessen Hauptmond Charon. Sie kalibrierten die Instrumente neu, checkten den Lander, Jojo und die Lebenserhaltungssystem und verstauten den Sarg mit Michelle. Jojo wurde zusätzlichen mit einer Schaufel ausgerüstet. Ihr Missionsplan sah vor, dass sie zunächst auf Charon landen sollten. Dies war möglich geworden, da in den letzten 36 Monaten mehr als 8% weniger Treibstoff verbraucht wurde, als geplant. Auch war die Bodenstation in Passadena der Meinung, dass dies eine willkommene Ablenkung sei. Nach einem 24-stündigen Aufenthalt ging es weiter zum Pluto. Dort sollten vor allem astronomische Geräte, ausgerichtet auf die Region jenseits der Pluto- und Neptunbahnen, aufgestellt werden. Beobachtet sollte im Besonderen der äußere Bereich der Oortschen Wolke und der rote Zwergstern Gliese 710, der in etwa 1,3 Millionen Jahre durch die Oortsche Wolke wandern wird und höchst wahrscheinlich durch die Kraft seiner Gravitation Kometen auf den Weg ins innere Sonnensystem ablenken wird. Zuletzt nahm man Abschied von Michelle. Ganz ihrem letzten Willen folgend, grub Zyslaw mit Unterstützung Jojos ein ein Meter tiefes Grab. Sneed fand sogar einen Brocken, der entfernt an einen Grabstein erinnerte. Mit dem Laser wurde der schwülstige Satz ‚In Liebe Deine Freunde. Folge Deinem Stern’ eingraviert. Im Gegensatz zu den bisherigen Außenmissionen fühlten sich Zyslaw und Sneed verdammt weit weg von zu Hause. Sie konnten nicht sagen, inwieweit die Anwesenheit Michelles damit zu tun hatte, aber als das Signal zur Rückkehr ertönte, wollte keiner der beiden gehen. Sie standen gut und gern zehn Minuten regungslos auf diesem grauen, nichts sagenden Planeten und blickten hinaus Richtung Zentrum der Milchstraße. Dort befindet sich das schwarzes Loch Sagittarius A* mit einer Masse von 332,23 Mio. Sonnen, das von Sternen mit bis zu 8.000 km/sek. umkreist wird, die früher oder später von dem Schwarzen Loch aufgesaugt werden, dessen Schwarzschildradius einen Durchmesser von acht Mio. Kilometer misst. Sie standen da und dachten sich, wenn wir den Roundevouztermin verpassen, dann nehmen wir halt den nächsten Bus.
„Hey, Ihr beiden da unten. Wollt Ihr Euch nicht auf den Weg machen? Viel Zeit bleibt Euch nicht mehr“, drang es in den Headsets der beiden Plutonianer, die sich anschauten, zulächelten und mit einer tiefen Zufriedenheit Richtung Lander gingen. Die ersten Schritte nach einer Reise von über 13 Milliarden Kilometer, die Richtung Heimat führten.
„Wir kommen. Und dann geht es nach Hause“, antwortete ein gut aufgelegter Sneed.
Augenblicklich stieg auch die Stimmung an Bord der Odyssey. Voormann konnte es gar nicht mehr erwarten, die Schubraketen zu zünden und auf Kurs Richtung Erde einzubiegen.
Zurück auf der Erde wurde ein kleiner Empfang der Freude, aber nicht des Triumphs, der Mannschaft der Odyssey bereitet.